Es gibt diese Momente, da steht man mit seinem Hund draußen, ruft seinen Namen – und bekommt nicht einmal ein müdes Ohrzucken zurück. Man sieht den eigenen Hund dort stehen, völlig vertieft in irgendetwas, das scheinbar wichtiger ist als die gesamte Menschheit. Und ganz ehrlich: In solchen Situationen regt sich in vielen von uns ein kleiner Kommentar im Kopf. Etwas zwischen „Gestern lief’s doch super“ und „Jetzt macht er das doch absichtlich“.
Bevor wir uns aber von diesem Gedanken leiten lassen, lohnt sich ein kurzer Blick hinter die Kulissen. Denn während wir nur sehen, dass der Hund nicht reagiert, arbeitet in seinem Inneren oft mehr, als wir uns vorstellen können. Hunde handeln selten gegen uns – sie reagieren auf das, was gerade in ihnen passiert. Und dieser Unterschied macht die ganze Geschichte aus.
So passiert es schnell, dass wir Menschen in solchen Momenten in eine Spirale rutschen: „Wenn er nicht hört, müssen wir wohl mehr trainieren“, oder „Dann sage ich es eben strenger.“ Manchmal wandert die Stimme eine Spur tiefer, der Rücken wird etwas gerader, und plötzlich bemüht man sich um eine Autorität, die eher an die eigene Grundschullehrerin erinnert als an ein entspanntes Miteinander. Für den Hund ist das allerdings selten eine Hilfe. Für ihn fühlt es sich eher an, als würde plötzlich noch mehr Druck von außen kommen – in einem Moment, in dem sein Nervensystem ohnehin schon genug zu tun hat.
Ein Hund, der innerlich sortiert, wird durch Strenge nicht klarer, sondern eher unsicherer. Manche Hunde frieren dann innerlich ein, andere reagieren nach außen heftiger und verbinden genau diese Situationen mit Stress. Und im ungünstigsten Fall kann ein Hund sogar kurz schnappen, nicht aus Unhöflichkeit, sondern weil er sich überfordert und in die Enge gedrängt fühlt. Hunde reagieren mit Verhalten – nicht mit Absichten.
Aber jetzt kommt der verblüffende Teil:
In vielen Fällen wäre die beste Reaktion keine Korrektur, sondern ein Moment Pause. Einfach einmal warten. Den Hund innerlich abbauen lassen. Und ja – sogar anerkennen, was er gerade leistet. Ein leises, ruhiges „Super machst du das“ klingt für viele Menschen im ersten Moment völlig verrückt. „Ich soll ihn auch noch loben, obwohl er nicht hört?“ Nein – du belohnst nicht das Verhalten. Du gibst deinem Hund die Rückmeldung: Ich habe verstanden, dass du gerade beschäftigt bist. Und das verändert oft überraschend viel. Viele Hunde schauen nach einer halben bis ganzen Minute plötzlich zu ihrem Menschen zurück, ganz so, als würden sie sagen: „Okay, ich bin wieder da – was wolltest du eigentlich?“ Genau dann ist der richtige Moment für ein neues Kommando. Nicht im Stress, nicht gegen die innere Wand, sondern wenn der Hund wieder ansprechbar ist. Das ist kein Trick, sondern Kommunikation.
Und wenn wir schon beim Thema Kommunikation sind: Hunde können auch bewusst „nein“ sagen. Nicht trotzig – sondern klug. Das nennt man manchmal „Intelligente Verweigerung“. Es gibt Hunde, die Menschen das Leben gerettet haben, weil sie ein Kommando nicht ausgeführt haben. Sie sind nicht über die Straße gegangen, obwohl der Mensch es wollte – weil sie den herannahenden Radfahrer gehört hatten, den der Mensch nicht bemerkt hat. Dieses „Nicht-Tun“ war in solchen Fällen keine Ungehorsamkeit, sondern lebensrettendes Wahrnehmen.
Natürlich heißt das nicht, dass jeder Hund im Alltag ständig heldenhafte Entscheidungen trifft. Aber es zeigt, wie viel Information in einem Hundekörper ankommt, bevor wir überhaupt bewusst reagieren könnten. Und wie falsch wir liegen, wenn wir jedes „Nicht-Hören“ automatisch als Unwille deuten.
Was von außen wie Ignorieren aussieht, ist für den Hund in Wirklichkeit ein Moment voller Eindrücke, die gleichzeitig sortiert werden müssen. Vielleicht ein Geruch, der ihn aus der Welt zieht, vielleicht ein Gefühl von Unsicherheit, vielleicht einfach zu viele Reize auf einmal. Die Welt eines Hundes ist intensiver und unmittelbarer als unsere. Und manche Hunde verarbeiten all das ruhig, während andere schneller an den Punkt kommen, an dem ihr Nervensystem kurz auf Durchzug stellt.
Deshalb ist dieses berühmte „Er hört nicht“ viel seltener eine Frage des Wollens als eine Frage des Könnens. Ein Hund, dessen Körper gerade arbeitet, kann nicht gleichzeitig zuhören. Ein Hund, der versucht, eine Situation einzuordnen, hat keinen freien Kanal für unsere Worte. Und ein Hund, der innerlich unsicher ist, braucht erst Orientierung, bevor er reagieren kann. Es ist ein bisschen so, als würde man jemanden beim Kopfrechnen unterbrechen und anschließend enttäuscht sein, dass die Antwort nicht sofort kommt.
Spannend wird es, wenn wir den Blick ein wenig verändern und uns fragen, was die Situation gerade mit unserem Hund macht. Oft entdecken wir dann kleine Hinweise: eine veränderte Körperspannung, einen Blick, der zu lange haftet, eine Atmung, die sich verändert. All das erzählt uns, dass der Hund gerade nicht unwillig ist, sondern beschäftigt. Und plötzlich ergibt Verhalten Sinn, das vorher nur frustriert hat.
Manchmal hilft schon dieser Perspektivwechsel, um in solchen Momenten ruhiger und humorvoller zu bleiben. Denn ein Hund, der nicht „hört“, ist kein Gegner. Er ist ein Hund, der versucht, seine Welt zu sortieren – eine Welt, die für ihn viel schneller und direkter hereinkommt als für uns. Und wenn wir verstehen, was in solchen Momenten in ihm passiert, verändert sich nicht nur sein Verhalten, sondern auch unsere Wahrnehmung.
Wenn wir Verhalten nicht korrigieren, sondern verstehen, beginnt echte Veränderung – und oft auch ein kleines Schmunzeln über Situationen, die uns vorher nur genervt haben.




2 Antworten
Liebe Carmen,
ich habe genau solche Situationen einige Male erlebt.
Intuitiv habe ich meine Kira verweilen lassen und ihr Zeit gegeben.
Und Du hast Recht, sie hat nach kurzer Zeit wieder ihre Aufmerksamkeit auf mich gerichtet.
Danke für diesen tollen Beitrag.👍
Lieber Jörg,
wie schön, das zu lesen – danke dir dafür. Genau dieses kurze Innehalten, dieses „Ich gebe dir Zeit“, ist oft der Moment, in dem sich beim Hund innerlich wieder alles sortiert. Dass du das intuitiv so gemacht hast, zeigt, wie viel Feingefühl da ist.
Und Kira hat dir ja direkt gezeigt, wann sie wieder bei dir war.
Danke fürs Lesen, fürs Mitgehen – und fürs Teilen deiner Erfahrung. 😊🐾